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Kräuterduft liegt in der Luft

Achtsam wandern heisst wahrnehmen, was einen umgibt. Beim aufmerksamen Hinsehen entdeckt man so manches Heilkraut. Die langjährige Drogistin Annelise Rechsteiner kennt sie alle und erklärt, was wie heilend wirkt.

© Maya Rhyner

Spazieren, Wandern oder eine leichte Bergwanderung, das ist Balsam für die Seele. Zeit in der freien Natur zu verbringen, sei es nur eine halbe Stunde oder länger, schenkt Ruhe, Erholung und Besinnlichkeit. Es weckt Inspiration und Lebensfreude. Die Natur hat das ganze Jahr Überraschungen für uns bereit:

Wenn man nach der ersten Schneeschmelze im Frühjahr die Wanderschuhe hervorholt und einen Streifzug durch die erwachende Natur unternimmt, entdeckt man ganz viel. Zum Beispiel auf der Wanderung von Glarus aus über Ennenda ins Uschenriet – dorfauswärts entlang alter Trockensteinmauern Richtung Süden –, da begrüsst einen als erste Jahresblüte der Huflattich mit seinen gelben, nach Honig duftenden Blüten. Ein Zeichen, dass der «Blumenfrühling» erwacht. Goldene Schlüsselblumen, tiefblaue Gundelrebenblüten und der weisse Schleier des Schlehdorns schmücken den Wanderpfad mit Blick auf die umliegende Bergwelt. Eine wohltuende Pracht.

Die Energie des Waldes spüren

Ein beglückendes Gefühl ist es auch, durch den Wald zu streifen. Im Uschenriet oder noch etwas weiter Richtung Sool – oder in einem Wald Ihrer Wahl. Auf weichem Waldboden zu laufen, die Stille zu geniessen und die kerzengeraden Rottannen zu bewundern, erfüllt einen mit einer wohltuenden Ruhe; im Tannenbaum steckt Atem, Wärme und Besinnlichkeit, aber auch grosse Heilkräfte für die körperliche Gesundheit. Die Fichtenknospen haben eine schleimlösende, auswurffördernde und entzündungswidrige Wirkung bei Husten und Ka­tarrh. Diese Knospen sind in einigen Heilmitteln enthalten.

Unter einer alten Wettertanne, voll mit Tannenbart, lässt es sich wunderbar eine Pause einlegen, verweilen und Energie tanken. Tannenbart (Usnea barbata) hilft zur Vorbeugung von Erkältungen. Beobachtet man die Natur und die Tiere, so kann man viel von ihnen lernen. Rotwild bedient sich der «natürlichen Medizin»; bei Husten fressen die Hirsche frischen Tannenbart, für sie ein natürliches Antibiotikum. Das kann man durchaus einmal ausprobieren: frischen, hellgrünen Tannenbart pflücken, 2-3 Minuten kauen und wieder ausspucken. Oder auch einmal die Rinde eines Baumes genauer betrachten ist interessant, Strukturen und Muster lassen sich erkennen. Das Schulzimmer der Natur ist immer offen.

Die Wanderung vom Uschenriet nach Sool kann auf demselben Weg wieder zurückgegangen werden. Oder man geht von Sool Richtung Burg Sola und hinunter nach Mitlödi zum Bahnhof SBB.

Auftanken beim Hochmoor

Ein anderer Weg führt uns durch das Hochmoor «Boggenmoor» im Schwändital weit ob Näfels. Ein fast vergessenes Täli. Das Hochmoor ist umgeben von imposanten Birken. Im Frühling spriessen die satten, hellgrünen Blätter der Birke, bringen Leichtigkeit und helfen, die Ballaststoffe des Winters abzubauen und auszuscheiden. Teemischungen zur Anregung des Stoffwechsels beinhalten ganz oft Birkenblätter, Brennnesselblätter, Zinnkraut, Löwenzahnwurzel- oder blätter, Schafgarben und Ringelblumenblüten.

Eine weitere Wohltat ist es, sich in den frühen Morgenstunden mit dem Ohr an den Birkenstamm zu lehnen, rundherum Ruhe, dann kann man das Fliessen der Säfte im Stamm hören. Die Birke hilft dem Körper, innere Kraft zu schöpfen und verhilft zu Flexibilität und Verständnis.

Hinauf zu den Fessis Seeli

Es wird Frühsommer. Wir schnüren nun die leichten Bergschuhe und begeben uns ins Schiltgebiet ob Ennenda; von Aeugsten geht’s zur Furggel des Schafleger und weiter zu den Fessis ­Seeli. Was der Bergfrühling hier bereithält, lässt sich nicht in Worte fassen, das muss man selber erleben: Polster mit dem tintenblauen Frühlingsenzian, über die ganzen Bergwiesen verteilt der blaue Enzian. Schaut man sich in diesem Gebiet genau um, kann man immer wieder den weissen Enzian, einen sogenannten Albino, erkennen.

Zwischen den Felsen strahlt uns die Aurikel entgegen, an feuchten Stellen jeweils bei Steinen erkennt man die rote Felsen-Primel, im sumpfigen Boden die Mehl-Primel und den Alpenhelm. Die Alpweiden sind bedeckt von der Alpen-Anemone, oder je nach Bodenbeschaffenheit blühen zwischendurch auch Schwefel-Anemonen. Die Anemonen verblühen und begleiten uns den ganzen Sommer als strubblige Weggefährten, wir Glarner bezeichnen ihn als «Altmaa».

Wilder Thymian und die Königin der Bergkräuter

Auch im ältesten Wildasyl, im Freiberg-Kärpf, ist im Juli der Bergsommer mit all den Naturschönheiten in voller Blüte. Von Weitem riecht man den erfrischenden Duft des wilden Thymians, auch Quendel genannt. Diese Heilpflanze hilft bei Husten, Schnupfen und Erkältungen. Man nennt den Quendel das «Antibiotikum der armen Leute». Seit alter Zeit weiss man, dass dieses Kraut Bazillen und Viren abtötet. Auch den Ameisen ist diese Eigenschaft bekannt, obwohl sie es in keinem Buch gelesen haben. Sie pflanzen das Kraut aus der Wildnis auf ihren Wohnungen an, um den Staat vor Viren und Bakterienbefall zu schützen.

Wohl kaum ein Bergwanderer bleibt von der farbigen Blütenpracht der Alpenblumen gänzlich unbeeindruckt. Wandert man auf Mettmen vom Garichti-Stausee über den Klettergarten in Richtung Berglimatt, weiter um den Gandstock zum Seebödeli, über Nüenhütten zurück nach Mettmen, finden wir über 130 verschiedene Pflanzen!

Eine davon ist die Königin der Bergkräuter: die Meisterwurz; ihren Platz hat sie zwischen Stein, Geröll und Fels, in die sie ihre starken Wurzeln versenkt. Die Wurzel der Meisterwurz hat eine stärkende, entzündungshemmende und hustenlösende Wirkung. Die Wurzel oder auch der Stängel mit dem intensiven Geruch verschafft uns Luft. Das können wir auf unserer Wanderung nutzen. Fühlen wir uns müde, haben Mühe mit der Atmung, so bedienen wir uns der Natur-Apotheke. Wir zerreiben den Stängel des Meisterwurz oder graben ein Wurzelstück aus, riechen immer wieder daran – und wir fühlen uns sofort besser!

Augentrost kündigt den Herbst an

Schon blüht wieder auf Alpweiden und Abhängen der Augentrost. Das zeigt uns, dass es langsam Herbst wird. Augentrost ist ein pflanzlicher Trost für
die Augen, hilft er doch bei Lidrandentzündungen, leichter Bindehautentzündung und müden, geröteten Augen.

Die Pflanze ist ein Halbschmarotzer, mit ihren Saugfüssen ist diese Heilpflanze mit Graswurzeln verbunden, denen sie Nährstoffe entzieht.

Wenn wir im Spätherbst durch die Wiesen wandern, stechen uns hier und dort die giftigen Herbstzeitlosenblüten als violette Tupfer ins Auge. Wir haben es hier mit einer besonderen Pflanze zu tun; sie ist in der Lage, die Strenge und Härte des bevorstehenden Winters vorauszuberechnen. Der Fruchtknoten, der aus der verwelkten Blüte entsteht, wandert Woche für Woche ins Erdreich zurück. Um nicht zu erfrieren, muss er sich direkt unter die Frostgrenze zurückziehen. Gräbt sich der Fruchtknoten über 18 Zentimeter tief in den Boden ein, ist sicher mit einem strengen Winter zu rechnen. Dringt er nur acht bis zehn Zentimeter ins Erdreich zurück, ist nichts Schlimmes zu erwarten. Das Wanderjahr geht dem Ende entgegen, freuen wir uns jetzt schon auf den nächsten Frühling.  

Wanderungen
Kräuter- und Blumenwanderungen im Glarnerland mit Annelise Rechsteiner: a.r.insel@bluewin.ch, Telefon +41 79 824 28 79.
Zum Nachschauen: Kosmos Pflanzenführer, in allen Buchhandlungen erhältlich, auch in der Buchhandlung Baeschlin in Glarus.

Text: Annelise Rechsteiner Bilder: Maya Rhyner