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Schlafen unter Sternen

Meistens überkommt es Noël Laurent mitten unter der Woche – der innere Drang, der Drang, rund um die Uhr draussen zu sein, «die Gerüche, das Licht, die Geräusche – das alles vermisse ich so sehr, dass ich genau weiss: Morgen übernachte ich wieder draussen in der Höhe.» Weit weg von Lärm, Lichtsmog und Menschen.

Noël Laurent aus Schwanden ist ein Outdoor-Mensch. Durch und durch. Er ist lieber draussen als drin, er ist lieber frei, anstatt zwischen irgendwelchen Büro- oder «Budä»-Wänden zu sein. Noël ist quasi draussen daheim. Im Glarnerland.

Die Frage nach dem «Wo»

Ist einst der Entschluss gefasst, drehen sich seine Gedanken hauptsächlich um das «Wo». «Wo möchte ich hinwandern? Wo möchte ich erwachen? Das hängt natürlich stark von der Jahreszeit ab», beschreibt er seine Vorgehensweise, daheim in seinen vier Wänden in Schwanden. Jetzt im Januar – es liegt zwar wenig Schnee und die Temperaturen sind für seinen Geschmack viel zu hoch – hat er gerne frühmorgens schon Sonne. Sie wärmt und lässt ihn leichter aus dem Schlafsack kriechen. Im Hochsommer bevorzugt er Plätze, an denen er morgens noch länger im Schatten «pfuusen» kann. «Sonnenauf- und Sonnenuntergänge geniesse ich am liebsten im Herbst, da ist das Licht am speziellsten», sagt er, bereits einen Rucksack aus dem Regal im Keller holend, da und dort ein paar Handgriffe, und schwupp sind nützliche Utensilien mit dabei.

Die Frage nach dem «Wo» bringt ihn oft in ein Dilemma. «Ich habe schon an unzähligen, wunderschönen Orten übernachtet, meistens unter freiem Himmel, manchmal unter dem Tarp und einige Male im Schneebiwak. Ich verspüre jedoch nicht sonderlich viel Lust, ein solches Biwak zu graben. Deshalb tendiere ich eher zum Tarp, eine leichte Plane, welche – mit ein wenig Fantasie – überall aufgespannt werden kann.» Langsam, beim Packen, reift jeweils eine konkrete Idee in ihm. Der Geschmack von Rauch, von einem auf dem Feuer gekochten Essen kriecht in seine Gedanken. Jetzt weiss er: Sein Ort wird irgendwo knapp über der Baumgrenze an einem eher nach Osten hin orientierten Hang sein. «Da finde ich Holz und kann mir das Gewicht eines Benzinkochers – welcher sehr zu empfehlen ist, da er mich noch nirgendwo auf der Welt im Stich gelassen hat – im Rucksack sparen.

Wildruhezonen und Eidgenössische Wildschutzgebiete muss ich meiden, da dort das Campieren, Zelten und auch Biwakieren verboten ist», ergänzt er. «In den Regionen, in welchen ich mich gedenke zu bewegen, muss ich niemanden um Erlaubnis fragen», sagt er noch. Wenn er aber mit Kindern oder anderen Gästen in Talnähe auf Wiesen oder an Waldrändern übernachtet, fragt er immer den Bauer oder Landbesitzer. «Das ist nichts weiter als anständig und notwendig, damit wir dies auch in Zukunft mit Gästen noch machen dürfen.» Denn Noël Laurent und sein Kumpel Rolf Bäbler bieten diese Abenteuer auch anderen an.

Die Materialschlacht – oder mit so wenig wie möglich auskommen

Glücklicherweise dürfe er von sich behaupten, schon sehr viel Erfahrung im Packen seines Rucksacks zu haben. Schlafsack, Matte und Biwaksack sind rasch verstaut. Die Matte ist fast das Wichtigste: Sie soll leicht und robust, aber trotzdem recht dick und komfortabel sein. «An Kleidung nehme ich nur das Nötigste mit: ein Langarmshirt, eine fette Daunenjacke, Primaloft-Hosen, Socken, Halstuch, Kappe, Handschuhe und ein Fleece, um am Feuer zu köcheln und zu ‹züüseln›. Stirnlampe, Pfanne, Feuerzeug, ein kleines Beil, Notapotheke und Lawinenschaufel vervollständigen mein Equipment.» Fast, denn das Wichtigste kommt noch: das Essen! «Viele Menschen haben das Gefühl, draussen ­könne man nur Pasta oder so langweiliges Fertigbeutel-Emulgatoren-Trekkerfood kochen. Kommt mal zu uns in einen Kochkurs», sagt er schmunzelnd. Er versuche aber auch hier, im wahrsten Sinne des Wortes, sich schlank zu halten.

Zum Glück lässt sich so einiges vakuumieren. «Bohnen sind super, sie brauchen wenig Platz und geben viel her. Man kann sie im Wasser wieder aufkochen und sie schmecken wie frisch geerntet. Dazu nehme ich einige vorgekochte Kartoffeln, eine Zwiebel, einen frisch geräucherten Speck, Alpkäse und in Beutel abgefüllte Gewürze mit. Fürs Morgenessen packe ich 500 g Mehl, Backpulver, Zucker und Honig ein.» Seine treue, alte und «etwas verbrauchte» Bialetti-Kaffee­maschine mit dem verschmolzenen Griff darf natürlich auch nicht fehlen. «Im Gegensatz zum Sommer oder Herbst finde ich jetzt im Winter weder essbare Pflanzen noch Pilze oder Beeren. Vor allem mit Heidelbeeren lässt sich sonst jedes Morgenessen versüssen.» Auch nach Silbermänteli oder Pfefferminze für Tee werde er im Schnee vergeblich suchen. Ein paar Tannenschösslinge oder Harz schmecke aber auch fantastisch. «Das Positive am Schnee ist, dass ich mir bei der Planung keine Gedanken ums Wasser machen muss. Yin und Yang im realen Leben halt», sagt er.

«Endlich kann ich los»

Mit gepacktem Rucksack, knapp 15 Kilo schwer, Bergschuhen und Stock zottelt er sodann los. Es ist frühlingshaft warm und soll über das ganze Wochenende so bleiben. Vollmond soll heute auch noch sein, das Tüpfelchen auf dem i. Schon bald hat er die letzte Forststrasse hinter sich gelassen, vertraute, selten begangene Wege liegen vor ihm. Nach gut 1500 Höhenmetern hat er die Waldgrenze erreicht, er hält Ausschau nach einem geeigneten Platz und dürrem Holz. Windgeschützt sollte sein Gemach sein und wenn möglich mit freier Sicht nach Osten. Ein grosser Stein sticht ihm ins Auge. «Mit den Jahren, so glaube ich, habe ich so was wie eine Intuition für gute Plätze entwickelt», erzählt er. Vielleicht sei es aber jedes Mal auch nur pures Glück, meint er noch. Egal, er ist dankbar für den wunderbaren Platz.

Unter dem Stein ist es trocken und schneefrei, daneben hat der Wind ein perfektes Windloch für seinen Schlafplatz geformt. «Ich muss mich ein wenig sputen, will ich doch vor dem Eindunkeln mein Tarp spannen und Holz sammeln.» Das Tarp ist schnell gestellt, mit Schnee verschliesst er die Stellen, an denen es nicht bis zum Boden reicht, damit der Wind in der Nacht nicht hindurch zieht. Holz findet er ebenfalls schnell, da er sich mit Hochtrotten schon einige dürre Tannen eingeprägt hatte. Die Matte pustet er auf, stopft sie in den Biwaksack und legt diesen unters Tarp. Den Schlafsack lässt er noch in der Hülle, damit dieser vom Tau nicht feucht wird. Er zieht sich um, macht ein Feuer. Als Zündhilfe dient ihm zuvor gesammeltes Harz, der beste Zunder, den es gibt. Schon bald erfüllt der Duft einer feinen Rösti mit Speck sein kleines Reich. Vollgefuttert und zufrieden sitzt er später am Feuer, hoch über dem Talboden und betrachtet den Mond, wie er rassig aufgeht und die weissen Hänge in sanftes Mondlicht tauchen lässt.

Seine Gedanken, sagt er, schweifen zu all den Leuten im Tal und an die Fragen seiner Eltern und Mitmenschen, ob er nie Angst und kalt habe so alleine im Dunkeln in den Bergen. «Meine Antwort ist stets dieselbe: Na klar, ich friere mir gerne den Allerwertesten ab und sterbe leidenschaftlich gerne vor Angst. Nein, Spass beiseite. Kalt habe ich extrem selten und wenn, dann war ich immer selber schuld – sprich, schlechter Platz, wenig gegessen, etwas vergessen et cetera. Aber Angst habe ich keine. Vor wem oder was auch? Ich bin ja zum Glück alleine. Und irgendwie doch nicht. Ich höre Tiere, nehme Gerüche wahr und bin ein Teil unserer wunderschönen Natur, mittendrin statt nur dabei, wenn man so will. Klar gebe ich Sicherheit auf, gewinne dafür scheinbar unendliche Freiheit und darf ein Teil des grossen Ganzen sein…»

Im Schoss der Glarner Berge

Die Sonne weckt Noël. Als Erstes nimmt er den Feldstecher und sucht die Grate nach Gämsen und anderen Tieren ab. Ein Birkhahn – «er hat sich wahrscheinlich in seiner Balzzeit vertan», sagt Noël – krächzt unweit von ihm, zu Gesicht bekommt er ihn aber nicht. Er macht Feuer, «eine meiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen, abgesehen vom Herumstreunen im Wald». Aus dem Mehl und den übrigen Zutaten backt er ein paar Banouks, eine Art indianisches Brot, welches ihm ein sehr guter Freund einmal gezeigt hat. Schade, gibt’s keine Heidelbeeren dazu, findet er. Dieses Brot ist perfekt, wenn man draussen unterwegs ist. «Man braucht nicht viel Gewicht mitzuschleppen und es ist trotzdem sehr nahrhaft. Darauf achte ich sowieso immer. Das Essen muss leicht, energiegeladen und vor allem köstlich sein. Einen Salat mit hochzuschleppen, bringt nichts, er hat keine Energie und braucht unnötig Platz.»

Er baut sein Camp ab, verlässt diesen Ort so, wie er ihn vorgefunden hat. Das ist das Credo. «Niemals lasse ich Müll zurück oder schände Bäume, Tiere oder Pflanzen. Niemand soll merken, dass ich hier war und eine wundervolle Nacht verbringen durfte. Das ist Ehrensache», sagt Noël.

Für ihn sind solche Erlebnisse essentiell, deshalb übernachtet er schon seit Jahren praktisch täglich draussen und geht dann frisch erholt zur Arbeit. «Es wird mir immer wieder aufs Neue bewusst, wie wunderschön und doch auch zerbrechlich unsere Natur, ja unser Leben ist. Für mich ist es nicht selbstverständlich, dass ich an einem so herrlichen Ort geboren wurde, gesund bin und jeden Tag aufs Neue geniessen darf.» Diese Dinge seien ihm in der vertrauten Einsamkeit in der Höhe, «im Schoss der Glarner Berge», immer ganz besonders bewusst.

Outdoor-Übernachtungen …

… mit der Familie, Freunden oder alleine, Noël Laurent und Rolf Bäbler machen es mit ihrer GetOutdoor GmbH möglich. «Es gibt zahlreiche coole Orte, welche bequem und ohne grosse Mühe zu erreichen sind – ideal, um mit dem ‹Draussenpfuusen› zu beginnen», sagen Noël und Rolf. www.getoutdoorgmbh.ch

Weitere Outdoor-Angebote und Anbieter von Outdoor-Erlebnissen: www.glarnerland.ch/outdoor 

Text und Bilder: Noël Laurent GetOutdoor GmbH, Jessica Wirth Bearbeitung: Maya Rhyner